Was ist ein eduRPG?

Ein eduRPG verbindet Rollenspiel und Bildung. Lernende schlüpfen in die Rolle von fiktiven Figuren, erleben gemeinsam eine Geschichte, treffen Entscheidungen und setzen sich dabei aktiv mit einem Lerninhalt auseinander.

Informationen sind heute jederzeit verfügbar. Das Internet hat den Zugang zu Wissen grundlegend verändert, Smartphones machen ihn nahezu überall möglich und künstliche Intelligenz beschleunigt die Suche nach Antworten noch einmal erheblich. Gleichzeitig wird es schwieriger, Informationen kritisch einzuordnen sowie zwischen verlässlichen und manipulativen Inhalten zu unterscheiden.

Für Bildung bedeutet das: Informationen weiterzugeben, reicht allein nicht aus. Lernende müssen auch einüben, selbstständig zu denken, Zusammenhänge zu erkennen und Wissen sinnvoll anzuwenden. Ein eduRPG eröffnet dafür einen ungewöhnlichen Weg: Lernen findet innerhalb einer gemeinsam erlebten Geschichte statt.

Was bedeutet eduRPG?

Der Begriff eduRPG setzt sich aus „education“ und „Role-Playing Game“ zusammen. Er bezeichnet ein Rollenspiel, das gezielt als Methode eingesetzt wird, um Lernprozesse zu fördern. Die Spielenden übernehmen fiktive Rollen und bewegen sich gemeinsam durch eine imaginäre Welt. Sie sprechen und handeln aus der Perspektive ihrer Figuren und gestalten so den Verlauf der Geschichte mit.

Der entscheidende Unterschied zu einem klassischen Rollenspiel liegt in der Zielsetzung: Beim eduRPG wird das Spiel bewusst genutzt, um bestimmte Inhalte zu vermitteln oder Fähigkeiten zu fördern.

Ablauf

Eine typische eduRPG-Runde hat eine Spielleitung und mehrere Spielende. Die Spielleitung beschreibt die Welt, führt durch die Geschichte und stellt die Gruppe vor Situationen, auf die sie reagieren muss. Die Spielenden übernehmen jeweils einen Charakter und entscheiden selbst, was ihre Figur sagt und tut.

Besonders spannend ist dabei, dass die Geschichte nicht vollständig feststeht. Die Spielleitung gibt den Rahmen vor, aber was innerhalb dieses Rahmens passiert, hängt von den Entscheidungen der Spielenden ab.

Dabei können ganz unterschiedliche Situationen entstehen: Die Gruppe muss ein moralisches Dilemma lösen, unterschiedliche Interessen miteinander vereinbaren oder gemeinsam ein komplexes Problem bewältigen. Sie diskutiert, wägt Möglichkeiten ab und sucht nach einer Lösung.

Beispiel: Lernen in einer Geschichte

Nehmen wir eine Philosophie-Vorlesung an einer Hochschule als Beispiel. Statt eine reguläre Vorlesung zu halten, lädt eine Lehrperson die Studierenden zu einem Rollenspiel ein. Sie erhalten Spielcharaktere und werden mit einer Situation konfrontiert, die eng mit dem jeweiligen Fach verbunden ist.

Aus ihren jeweiligen Rollen heraus diskutieren sie moralische Dilemmata, metaphysische Fragen oder logische Paradoxa. Vielleicht geht es dabei um die Frage, ob der Einsatz von Atomwaffen gerechtfertigt sein kann. Vielleicht um die Bewertung von Klimaaktivismus.

Die Figuren argumentieren und handeln innerhalb der Geschichte, bis das Spiel schließlich endet. Dann folgt die Reflexion.

Vom Spiel zur Reflexion

Das Erlebnis allein macht noch keinen Lernerfolg. Gemeinsam wird deshalb betrachtet, was passiert ist: Warum wurde eine bestimmte Entscheidung getroffen? Welche Folgen hatte sie? Welche anderen Möglichkeiten gab es? Und was lässt sich daraus für reale Situationen ableiten?

Gerade diese Verbindung von Spielerfahrung und Reflexion macht den pädagogischen Wert eines eduRPGs aus. Das im Spiel Erlebte wird aufgearbeitet und mit dem eigenen Wissen und den eigenen Erfahrungen verknüpft. So können Fachinhalte vertieft und unterschiedliche Fähigkeiten gefördert werden.

Das Lernpotenzial von Rollenspielen

Die bisherige Forschung zu Tabletop-Rollenspielen weist unter anderem auf Potenziale bei Kreativität, kritischem und ethischem Denken, Perspektivübernahme, Empathie, Problemlösung und sozialen Kompetenzen hin. Auch positive Wirkungen auf Wohlbefinden und Resilienz werden in der Forschung berichtet.

Prinzipiell lassen sich eduRPGs in sehr unterschiedlichen Fächern und Lernkontexten einsetzen. Entscheidend ist, dass das Lernziel zum Fach und zur jeweiligen Zielgruppe passt und das Rollenspiel methodisch sinnvoll darauf abgestimmt wird.

Freiheit des Spiels

Natürlich soll ein eduRPG Spaß machen. Der spielerische Rahmen schafft aber zugleich einen geschützten Raum, in dem unterschiedliche Handlungsweisen ausprobiert werden können.

Eine Entscheidung kann innerhalb der Spielwelt weitreichende Folgen haben, ohne dass daraus in der Realität der Spielenden etwas Folgenschweres entsteht. Dadurch wird es möglich, Sichtweisen einzunehmen, die man selbst vielleicht nicht vertreten würde, Fehler zu machen oder einen anderen Weg auszuprobieren.

Gerade diese Freiheit macht das eduRPG für Bildungsprozesse interessant. Es gibt nicht immer nur einen vorgegebenen Lösungsweg. Die Lernenden können eigene Ideen verfolgen und erfahren, wohin diese führen. Gemeinsam mit der anschließenden Reflexion entsteht daraus eine Lernerfahrung, die deutlich über die reine Vermittlung von Wissen hinausgeht.